Wie die Pestalozzi-Stiftung Bildungswege ermöglicht
334 junge Menschen aus Schweizer Berg- und Randgebieten unterstützte die Pestalozzi-Stiftung 2025 mit einem Stipendium für Matura, Lehre oder Studium. Seit 1961 erleichtert oder ermöglicht sie finanziell benachteiligten Jugendlichen und jungen Erwachsenen den Zugang zu Bildung und trägt damit zur Chancengleichheit bei. Geschäftsführerin Patrizia Tarone erklärt im Gespräch, wie die Stiftung arbeitet und was ihre Förderung bewirkt.
Frau Tarone, mit welchem Gedanken wurde die Pestalozzi-Stiftung 1961 gegründet?
Die Pestalozzi-Stiftung wurde 1961 vom Auslandschweizer Ehepaar Honegger gegründet. Der Kern des Stiftungszwecks ist bis heute aktuell geblieben: Jugendliche und junge Erwachsene aus Schweizer Berg- und Randgebieten sollen ihre Ausbildung unabhängig ihren finanziellen Möglichkeiten absolvieren können.
Warum sind gerade junge Menschen aus Berg- und Randgebieten auf Unterstützung angewiesen?
Der Grund ist strukturell: Wer für eine Lehre oder ein Studium die eigene Region – ein Bergtal oder abgelegenes Landgebiet – verlassen muss, wohnt in der Regel auswärts. Kosten für Unterkunft, Verpflegung und Reisen fallen an, die öffentliche Stipendien nur teilweise decken. Nicht alle Familien können diese zusätzlichen Kosten tragen.
Wie stellen Sie sicher, dass die Mittel dort ankommen, wo sie tatsächlich gebraucht werden?
Wir arbeiten subsidiär: Ein Stipendium gewähren wir erst, wenn die Möglichkeiten der kantonalen Ämter ausgeschöpft sind und der verbleibende Fehlbetrag von den Eltern oder dem Gesuchsteller nicht getragen werden kann. Der kantonale Stipendienentscheid ist fester Bestandteil jedes Gesuchs. So stellen wir sicher, dass unsere Unterstützung dort ansetzt, wo die öffentlichen Stellen enden, und eine Finanzierung über den effektiven Bedarf hinaus vermieden wird. Ausserdem versteht sich die Pestalozzi-Stiftung als Ermöglicherin, wo die öffentliche Hand keine Unterstützung leisten kann.
Mich beeindruckt, wie viele Wege unser Bildungssystem jungen Menschen eröffnet. Die Pestalozzi-Stiftung setzt sich dafür ein, dass diese Chancen allen offenstehen.
Die Geschäftsstelle hat ihren Sitz in Zürich. Wie bleibt die Stiftung den Bergregionen nahe?
Über unsere rund 50 ehrenamtlichen Vertrauenspersonen – darunter Lehrpersonen, Schulinspektoren, kantonale Laufbahnberaterinnen und -berater sowie Mitarbeitende kantonaler Stipendien- und Sozialämter. Sie sind in den Bergregionen verankert, kennen die örtlichen Verhältnisse, begleiten die Jugendlichen bei der Antragstellung und leiten die Gesuche weiter, sofern die Grundvoraussetzungen erfüllt sind. Damit bilden sie die Schnittstelle zur Geschäftsstelle. Diese prüft und bearbeitet die Gesuche, unterbreitet sie der Kommission Stipendien – bestehend aus dem Präsidenten und drei Stiftungsrätinnen – zur Entscheidung und setzt die Beschlüsse um.
Das Fokusthema dieser Ausgabe lautet «Mehr als Zahlen». Was bedeuten Zahlen für Ihre Arbeit?
Natürlich lässt sich unsere Wirkung beziffern: 362 Gesuche wurden 2025 geprüft, 334 bewilligt – 168 Neugesuche und 166 Wiederholungsgesuche. Jährliche Wiederholungsgesuche ermöglichen es, den Anspruch erneut zu prüfen und den Stipendienbetrag bei Bedarf anzupassen. Seit der Gründung sind rund 10’000 Stipendien mit einem Gesamtvolumen von über 47 Millionen Franken ausgerichtet worden. Doch jede dieser Zahlen steht für einen individuellen Bildungsweg, für eine Familie, die entlastet wird, und für eine Fachkraft, die der Schweiz künftig zur Verfügung steht. Gerade in Zeiten des Fachkräftemangels und steigender Lebenshaltungs- und Ausbildungskosten ist diese Investition in die Gesellschaft von morgen bedeutsamer denn je.
Was bewirkt die Förderung konkret?
Das zeigen unsere Stipendiatinnen und Stipendiaten am besten selbst. Barbara da Silva Martins zum Beispiel ist im Bündner Bergdorf Vals aufgewachsen und arbeitet heute – nach dem Masterabschluss im Herbst 2025 – als Assistenzärztin in der Gynäkologie am Spital Langenthal. Ihr Weg war nicht selbstverständlich. Sie sagt: «Mein Weg war nicht immer einfach, da ich mir vieles selbst erarbeiten musste. Schon früh wurde mir bewusst, wie unterschiedlich die Startbedingungen sein können.»
Rico Sprecher wiederum ist auf einem Hof in Wald im Kanton Appenzell Ausserrhoden aufgewachsen. Nach der Sekundarschule entschied er sich für eine Schreinerlehre EFZ – und nutzt zugleich die Durchlässigkeit des Schweizer Bildungssystems: «Parallel zur Lehre besuche ich die Berufsmaturitätsschule, um mir später ein Architekturstudium zu ermöglichen.» Ricos Weg zeigt exemplarisch, was wir fördern: Stipendien für die erste Ausbildung und die darauf aufbauenden Wege bis zum ersten Masterabschluss – etwa von der Lehre über die Berufsmaturität an die Fachhochschule oder – via Passerelle – an die Universität.
Beide Portraits sind in voller Länge im Geschäftsbericht 2025 der Pestalozzi-Stiftung nachzulesen (https://www.pestalozzi-stiftung.ch/geschaeftsberichte).
Wie finanziert die Stiftung ihre Stipendien – und wie kann man sich engagieren?
Wir finanzieren die Stipendien aus Spenden, Beiträgen des Förderkreises und Legaten sowie in guten Jahren aus Kapitalerträgen.
Wer sich engagieren möchte, hat mehrere Möglichkeiten. Die laufenden Spendeneinnahmen werden ausschliesslich für Stipendien
verwendet – jeder gespendete Franken kommt direkt jungen Menschen auf ihrem Bildungsweg zugute. Der Förderkreis vereint Gönnerinnen und Gönner, die sich mit einem jährlichen Beitrag längerfristig engagieren; einmal im Jahr laden wir sie zu einem Anlass ein, an dem auch Vertrauenspersonen sowie Stipendiatinnen und Stipendiaten anwesend sind – Letztere berichten dabei persönlich aus ihrem Werdegang.
Stiftungen wie die Pestalozzi-Stiftung spielen eine entscheidende Rolle, wenn es darum geht, Bildungs- und Karrierechancen auszugleichen und faire Möglichkeiten für alle zu schaffen.
Ich bin dankbar, dass Bildung Chancen eröffnet – auch für Menschen, die nicht aus akademischen Familien stammen.
Die Pestalozzi-Stiftung besteht seit über sechzig Jahren. Was braucht es, damit sie ihre Aufgabe auch langfristig erfüllen kann?
Verlässlichkeit – auf beiden Seiten. Wir sichern unseren Stipendiatinnen und Stipendiaten die Unterstützung grundsätzlich für die ganze
Dauer der angegebenen Ausbildungszeit zu; das setzt Planungssicherheit voraus. Eine besonders nachhaltige Form der Unterstützung sind deshalb Legate: Wer die Pestalozzi-Stiftung im Testament berücksichtigt, ermöglicht die Unterstützung von Bildungswegen über das eigene Leben hinaus und schafft bleibende Wirkung für kommende Generationen. Vermächtnisse haben unsere Arbeit seit der Gründung wesentlich mitgetragen. Unsere Geschäftsstelle berät Interessierte gerne persönlich und vertraulich.
Was wünschen Sie sich für die Zukunft?
Hinter jedem Gesuch steht ein junger Mensch mit Begabung, Motivation und einem klaren Ziel. Ich wünsche mir, dass auch künftig nicht die Herkunft über einen Bildungsweg entscheidet – sondern der Wille, ihn zu gehen. Möglich ist das nur dank der Solidarität unserer Spenderinnen und Spender: Wer uns unterstützt, investiert in konkrete Bildungschancen – und damit in die Zukunft unserer Gesellschaft.